Klaus Mosettig „Handwriting“ in der Kunsthalle Darmstadt

Man ist geneigt, an einem zentralen Ort der Kunst in Darmstadt vorbeizufahren. Auf dem Weg zwischen Luisenplatz, und den Zielen Hauptbahnhof oder A5, rauscht man oft gehetzt oder zügig auf der Rheinstraße an einer großen Scheibenfront entlang. Selten zwingt einen die hiesige Ampelphase kurz innezuhalten. Schaut man dann in einem glücklichen Moment zur Seite, stehen da Reste einer Fassade im Verhältnis zu dem dahinter liegenden Neubau aus den 50er Jahren im Fokus. Dort, inselgleich, links und rechts gesäumt von Straßen, erzählen die Worte „Kunsthalle“  von Tradition und Schicksal – und künstlerischem Selbstverständnis der Jugendstil-Stadt. 

Alles hinterlässt seine Spuren.

Am Sonntag den 7.10.2018 ist das Wetter wunderschön und die Sonne strahlt herbstlich-golden, während wir endlich die Entscheidung treffen, nicht mehr vorbeizufahren, sondern bewusst einzutreten – zu einer Finissage im Herbst. Denn wie es der Zufall will, kommen wir genau pünktlich zur Beendigung einer einmonatigen Ausstellung des österreichischen Künstlers Klaus Mosettig: Der Künstler höchstpersönlich im Gespräch mit Kunsthallen-Direktor Dr. León Krempel über „Handwriting (Leros)“.

Der von Tageslicht erhellte Haupt-Ausstellungsraum ist bereits gefüllt von Gästen, die dem Protagonisten und dem Interviewer aufmerksam zuhören. Im Hintergrund befinden sich Gemälde in grau-weiß. Hochformat, Querformat, quadratisch, alle fein umrahmt von Holz oder Eisen. Abstrakt, scheinbar einer unbekannten Struktur folgend, zeigen sich zuerst Muster und Formen, hell und dunkel. Bei Genauerem Hinsehen offenbart sich eine Schraffur aus verschiedenen Bleichstift-Härtegraden – selbst die „weißen“ Stellen sind schraffiert. Aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet, erkennt man die leichten „Verletzungen“ auf dem Büttenpapier, die dem Bild eine besondere Oberflächenstruktur verleihen. Manchmal strahlen die Gemälde sogar farblich in blau, grün und gelb – je nachdem, wie sich das Licht in den einzelnen Werken bricht und wir uns diese anschauen.

Während des Vortrags und der gleichzeitgen Betrachtung verändert sich das Verhältnis zu den Bildern: Wir erfahren die Geschichte eines Transit-Lagers Syrischer Geflüchteter auf der griechischen Insel Leros und deren in Holz geritzten Zeichnungen. Wir sehen Details aus Kinderzeichnungen der Tochter des Künstlers oder hören von „Fusseln“ auf Dia-Projektoren, die die Welt bedeuten. Alltägliches, ganz gleich in welcher Art aufgeladen, bekommt seine Bedeutung, setzt man es in einen konkreten Kontext. 

Und plötzlich scheinen die Schraffierungen an der Wand zwar einen mikroskopischen und akribischen Blick auf die kleinsten Kleinigkeiten zu legen, jedoch im selben Atemzug großes zu bedeuten. Die notwendige Konzentration und Zeit, die der Künstler diesen kleinsten Ausschnitten geschenkt haben muss – und jedem noch so winzigem ausgearbeitenden Detail – übeträgt verdichtet ein Zeit-Gefühl für ganz reale Räume und Lebenssituationen. Transit-Zonen, einzelne Entwicklungsschritte in dem Leben eines jungen Menschen oder die Abnutzung und der Gebrauch von Arbeitsmitteln. – Alles hinterlässt seine Spuren und birgt in sich ein ganzes Universum.

Die nächsten Programmpunkte in der Kunsthalle Darmstadt fügen sich nahtlos an und arbeiten daran, das gesellschaftliche Bewusstsein zu schärfen:

Vom 19.10.18 bis 21.10.18
Flucht bewegt Kunst
Ein künstlerisches Projekt mit Sand- und Street-Art

Am 27.10.18
Vernissage der Ausstellung „HE SHE IT“ von David Czupryns.

In David Czupryns Arbeiten feiert das Trompe-l’Œil, die aus der Malerei seit jeher bekannte Kunst der Augentäuschung, ein unerwartetes Comeback. mehr

Für mehr Information: kunsthalle-darmstadt.de

Lorris Andre Blazejewski. Oktober 2018.


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