Vernissage/Eröffnung: 20. August 2026, 18 Uhr · Uni- und Landesbibliothek Darmstadt (ULB Stadtmitte), Vortragssaal · Ausstellung: 21. August bis 4. Oktober 2026
Der Brockhaus war mehr als ein Nachschlagewerk. Er war ein Versprechen: Wer ihn besaß, besaß Bildung, Orientierung, Überblick. 228 Jahre lang — von 1796 bis 2014 — war er das gedruckte Universallexikon Deutschlands. Dann kam Wikipedia, Google und nun die Künstliche Intelligenz. Und die schweren Bände wurden zu Lasten, die niemand haben wollte — nicht einmal geschenkt.
Genau an dieser Stelle setzt das Brockhaus Projekt des Darmstädter Künstlers und Musikers Martin Jourdan an. Was passiert, wenn man den Inhalt entfernt und nur die Hülle behält? Was sagt der Einband, wenn das Wissen darin fehlt? Und was entsteht, wenn Künstlerinnen und Künstler genau diese Leerstelle füllen — mit Farbe, Material, Haltung, Erinnerung?
Der Versuch einer Antwort zeigt sich ab dem 21. August in der Uni- und Landesbibliothek Darmstadt: 24 Bände der Brockhaus Enzyklopädie (19. Auflage, 1986–1994), verwandelt von 18 Kunstschaffenden in eigenständige Objekte. Kein Band gleicht dem anderen. Verschlossenes Wissen. Materialcollagen. Keramik aus dem Buchdeckel. Gestrickte Umschläge als Symbol für Asphalt und Wachstum. Ein leeres Lexikon mit dem Wort SALE. Das Projekt stellt eine der drängendsten Fragen der Gegenwart: Wem gehört Wissen — und was bleibt, wenn es seine Form verliert? Oder bekommt das Buch in Zeiten immer deutlich werdender, digitaler Abhängigkeiten und Wissensmonopolisierung(en) als unabhängiges Medium gar eine neue Bedeutung?!
Zygmunt Blazejewskis Beitrag: BROCKHAUS – ATTENTION PLEASE!
Zygmunt Blazejewski gestaltete seinen Band unter dem Titel BROCKHAUS – ATTENTION PLEASE! Die Außenseite zeigt den Globus in extremer Beanspruchung auf allen Ebenen — Rot blitzt als Überspannung nach außen. Die Innenseite: der Mensch in sich getrennt, gepaart mit elementaren Sehnsüchten. Überall Warnungen. Symbolkraft von Zugehörigkeit — zerrüttet und am Wanken. Ein Werk, das nicht trauert, sondern alarmiert.
Beteiligte Künstlerinnen und Künstler

Zwei Bibliotheken — eine Frage
Wer Zygmunt Blazejewskis Rollenbibliothek ANIMA MUNDI kennt, erkennt im Brockhaus Projekt einen verwandten Gedanken. ANIMA MUNDI — 210 handgefertigte Rollenbilder, 2018 vollständig im Staatlichen Museum Ägyptischer Kunst München präsentiert — ist ebenfalls eine Bibliothek: nicht aus Worten, sondern aus Farbe, Form und Erinnerung. Jede Rolle entnehmbar, jede ein eigenständiges Werk, zusammen ein lebendiges Archiv der Weltseele.
Der Brockhaus hat seinen Text verloren und wurde zur Form. ANIMA MUNDI hat keine Worte — und sagt trotzdem alles. Beides sind Elemente des gleichen kollektiven Bewusstseins. Eine Materialsierung eines immateriellen Wissensspeichers.
06.07.2026, Lorris Andre Blazejewski