Die Rollenbibliothek Anima Mundi (RAM) ist das Lebenswerk von Zygmunt Blazejewski: 210 Bilderrollen, in einem durchgehenden malerischen Prozess von Dezember 1991 bis Januar 1997 im Rhein-Main-Gebiet entstanden. In ihrer endgültigen Form sind die Rollen in sieben raumhohen Stelen mit jeweils 30 Rollen übereinander zu einer Bibliothekswand von etwa elf bis zwölf Metern Breite und über sechs Metern Höhe gefügt.
Jede Bildrolle zeigt eine stehende Figur, vor deren Gesicht oder darüber eine Scheibe schwebt, die mal beschattet, mal öffnet, mal wie ein inneres Licht wirkt. RAM wird oft als „kollektives Gedächtnis der Menschheit“ beschrieben – als Bibliothek der Bilder und der Farbe, in der sich Bewusstseins- und Entwicklungsprozesse der Menschen spiegeln.
Die Rollenbibliothek Anima Mundi ist als Bibliothek im eigentlichen Sinn gedacht – nicht aus Schriftzeichen, sondern aus Bildern und Farbräumen. Blazejewski entwickelt ab Anfang der 1990er Jahre eine „Anima-mundi-Bibliothek“ als kollektives Gedächtnis, als Bibliothek der Bilder, vielleicht noch stärker: der Farbe.
Die Struktur ist zugleich einfach und radikal: Auf jeder der 210 Rollen erscheint eine Figur, begleitet von einer kreisförmigen Scheibe vor oder über dem Gesicht. Diese Scheibe ist Kontrapunkt, Gegenüber und Spiegel – sie kann verdecken, schützen, blenden, öffnen. Metaphorisch verweist sie auf den andauernden Bewusstseins- und Entwicklungsprozess, in dem wir uns bewegen.
In der horizontalen Gesamtschau – von der ersten bis zur 210. Rolle – entfaltet sich eine Wellenbewegung: Die Figur entwickelt sich von frühen, fast amphibischen Gestalten zu immer komplexeren, facettenreichen Personen. Die Bibliothekswand funktioniert wie ein Fluss in der Zeit: Man kann in ihr stöbern, zurückspringen, Verbindungen herstellen. Vertikal, beim digitalen oder analogen Entrollen, erscheint jede Rolle als eigenständiges, strahlendes Bild mit eigener Information und Wirkung.
RAM ist damit ein offenes System: keine abgeschlossene Erzählung, sondern ein Bildarchiv, das immer neue Kontexte eröffnet. Wie in einer klassischen Bibliothek entstehen Bedeutung und Zusammenhänge erst im Akt des Betrachtens – im „Blättern“ durch die Rollen, im Vergleichen, im wiederholten Aufrufen bestimmter Bilder.
Die RAM-Bibliothek entsteht in einer Phase tiefgreifender politischer und gesellschaftlicher Umbrüche zu Beginn der 1990er Jahre. Die Frage, wie sich kollektive Erfahrung, kulturelles Erbe und individuelle Lebenswege im Bild speichern lassen, ist für Blazejewski mehr als theoretisch – sie ist biografisch aufgeladen.
Die Ausstellungsgeschichte der Rollenbibliothek verläuft in mehreren Etappen: Eine frühe horizontale Präsentation im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt, eine vertikale Installation in der Balthasar-Neumann-Kirche St. Cäcilia in Heusenstamm, und 2004 eine spektakuläre Präsentation als nachempfundenes Riesen-Rhönrad im ehemaligen IG-Farben-Haus der Frankfurter Universität.
2018 wurde die RAM-Bibliothek im Staatlichen Museum Ägyptischer Kunst in München in ihrer bislang vollständigsten Form gezeigt: 210 Bilderrollen, in sieben raumhohen Stelen zu einer über elf Meter langen und mehr als sechs Meter hohen Bibliothekswand gefasst. In diesem Kontext wurde sie immer wieder als malerisches Gleichnis eines kollektiven Gedächtnisses der Menschheit beschrieben – im Dialog mit 5000 Jahren Kunst- und Schriftkultur.
Von Dezember 1991 bis Januar 1997 realisiert Blazejewski das Werk in etwa fünf Jahren an mehreren Orten im Kultur- und Wirtschaftsraum Rhein-Main. Die Bibliothek ist als geschlossene Folge von 210 Rollenbildern konzipiert. Jede Rolle ist auf Baumwolle gemalt, mit Acrylfarben und einer vom Künstler entwickelten Transfertechnik, und auf einen zylindrischen Träger gewickelt.
In der endgültigen Installation sind die Rollen in sieben nebeneinanderstehenden Stelen mit jeweils 30 übereinandergestapelten Rollen angeordnet – eine Wand von etwa zwölf mal sechs Metern. Die Präsentation im Raum – ob als wandfüllende Bibliotheksstruktur oder in variierenden Anordnungen – ist integraler Bestandteil des Werkes.
Bildnerisch arbeitet Blazejewski mit einer bewussten Spannung zwischen motivischer Kontinuität und stilistischer Variation: Die Grundfigur bleibt erkennbar, doch Farbklima, Dichte, Abstraktionsgrad und Zeitsignatur verändern sich von Rolle zu Rolle. Viele Bilder tragen Spuren von Übermalungen, Korrekturen und Schichtungen – der Prozess bleibt sichtbar und wird Teil der Aussage.
Originalzyklen nicht verkäuflich – nur Editionen
Die Rollenbibliothek Anima Mundi ist als Gesamtinstallation konzipiert und wird vorerst nicht als vollständiger Zyklus veräußert. Einzelne Rollenbilder, Variationen und Miniatur-Fassungen der Bibliothek können in begrenztem Umfang und nach kuratorischer Abstimmung zur Verfügung gestellt werden – insbesondere für institutionelle Kontexte und ausgewählte Sammler:innen.
Für Anfragen zu Originalwerken, Variationen oder Leihgaben wenden Sie sich bitte direkt an das Atelier bzw. an die im Impressum genannten Kontaktadressen.