Die Rollenbibliothek Anima Mundi ist als Bibliothek im eigentlichen Sinn gedacht – nicht aus Schriftzeichen, sondern aus Bildern und Farbräumen. Blazejewski entwickelt ab Anfang der 1990er Jahre eine „Anima-mundi-Bibliothek“ als kollektives Gedächtnis, als Bibliothek der Bilder, vielleicht noch stärker: der Farbe.
Die Struktur ist zugleich einfach und radikal: Auf jeder der 210 Rollen erscheint eine Figur, begleitet von einer kreisförmigen Scheibe vor oder über dem Gesicht. Diese Scheibe ist Kontrapunkt, Gegenüber und Spiegel – sie kann verdecken, schützen, blenden, öffnen. Metaphorisch verweist sie auf den andauernden Bewusstseins- und Entwicklungsprozess, in dem wir uns bewegen.
In der horizontalen Gesamtschau – von der ersten bis zur 210. Rolle – entfaltet sich eine Wellenbewegung: Die Figur entwickelt sich von frühen, fast amphibischen Gestalten zu immer komplexeren, facettenreichen Personen. Die Bibliothekswand funktioniert wie ein Fluss in der Zeit: Man kann in ihr stöbern, zurückspringen, Verbindungen herstellen. Vertikal, beim digitalen oder analogen Entrollen, erscheint jede Rolle als eigenständiges, strahlendes Bild mit eigener Information und Wirkung.
RAM ist damit ein offenes System: keine abgeschlossene Erzählung, sondern ein Bildarchiv, das immer neue Kontexte eröffnet. Wie in einer klassischen Bibliothek entstehen Bedeutung und Zusammenhänge erst im Akt des Betrachtens – im „Blättern“ durch die Rollen, im Vergleichen, im wiederholten Aufrufen bestimmter Bilder.
Die RAM-Bibliothek entsteht in einer Phase tiefgreifender politischer und gesellschaftlicher Umbrüche zu Beginn der 1990er Jahre. Die Frage, wie sich kollektive Erfahrung, kulturelles Erbe und individuelle Lebenswege im Bild speichern lassen, ist für Blazejewski mehr als theoretisch – sie ist biografisch aufgeladen.
Die Ausstellungsgeschichte der Rollenbibliothek verläuft in mehreren Etappen: Eine frühe horizontale Präsentation im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt, eine vertikale Installation in der Balthasar-Neumann-Kirche St. Cäcilia in Heusenstamm, und 2004 eine spektakuläre Präsentation als nachempfundenes Riesen-Rhönrad im ehemaligen IG-Farben-Haus der Frankfurter Universität.
2018 wurde die RAM-Bibliothek im Staatlichen Museum Ägyptischer Kunst in München in ihrer bislang vollständigsten Form gezeigt: 210 Bilderrollen, in sieben raumhohen Stelen zu einer über elf Meter langen und mehr als sechs Meter hohen Bibliothekswand gefasst. In diesem Kontext wurde sie immer wieder als malerisches Gleichnis eines kollektiven Gedächtnisses der Menschheit beschrieben – im Dialog mit 5000 Jahren Kunst- und Schriftkultur.