Dr. Gottfried Knapp | Süddeutsche Zeitung

Zu der Rollenbibliothek „Anima Mundi“ von Zygmunt Blazejewski:

In allen alten Kulturen, die sich der Schrift bedienten oder Bildzeugnisse für sich sprechen ließen, hat sich irgendwann die Schriftrolle oder das Rollbild als Medium des Fixierens und Bewahrens von Inhalten durchgesetzt. Von China aus ist das Rollbild schon lange vor unserer Zeitrechnung in weiten Teilen Ostasiens übernommen worden. Und vom alten Ägypten aus hat die Technik des Schreibens und Zeichnens auf Pergament- oder Papyrusrollen im gesamten Mittelmeerraum Verbreitung gefunden.

In der vom gedruckten Buch geprägten Neuzeit sind Rollen als Text- und Bildträger weitgehend überflüssig geworden. Die digitale Fixiertechnik schließlich, die unendliche Speicherreserven zu bieten hat, lässt Text- und Bildrollen fast als archaische Exotica erscheinen. Doch da der Computer handwerklich gefertigte Gemälde und Zeichnungen allenfalls elektronisch registrieren, aber nicht ersetzen kann, wird es immer Spannungen zwischen den Künsten und den Speichermedien geben.

Diese Spannungen hat der Künstler Zygmunt Blazejewski zum Ausgangspunkt für bildnerische Überlegungen gemacht. Er hat irgendwann angefangen, in seiner frei zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit hin- und herpendelnden Malweise Gemälde einheitlicher Größe herzustellen. Die fertigen Blätter hat er dann so um PVC-Rohre herumgewickelt, dass von den Bildern, wenn man die fertigen Rollen drehte, nur die jeweiligen Endabschnitte der Kompositionen zu erkennen waren.

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Diese gerollten Bildern stellen eine Verbindung her zu den berühmten Bibliotheken der Antike: So wie dort das Wissen der Welt in Rollen aufbewahrt war, so hat Blazejewski das malerische Werk mehrerer Jahre in Rollen gepackt. Man könnte darin auch eine indirekte Reaktion auf die wachsende Raumnot kunstbewahrender Institute sehen.

Mit den einheitlich 1,50 Meter hohen, oben und unten fest geschlossenen Bildrollen, die immer nur einen Ausschnitt des zusammengerollten Gemäldes preisgeben, aber jederzeit entrollt und aufgehängt werden können, hat Blazejewski plastisch zu improvisieren begonnen. Er hat sie wie Balken oder Rohre zu ganz unterschiedlichen Formationen zusammengesetzt und mit den so erzeugten Großskulpturen unter dem Titel „Anima Mundi“ öffentliche Räume bespielt.

So haben die übereinandergesetzten Rollen über der Eingangsgalerie des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt am Main wie eine farbige Bekrönung gewirkt. Im Chor der von Balthasar Neumann errichteten, kunsthistorisch bedeutsamen Pfarrkirche St. Cäcilia in Heusenstamm hat Blazejewski auf die heftigen Bewegungen der barocken Altarengel mit zwei ruhig wirkenden flankierenden Stelen reagiert, in die jeweils 30 querliegende Rollen eingespannt waren. Und in der hohen Eingangshalle des IG-Farben-Hauses der Frankfurter Universität hat seinerzeit ein riesiges Rhönrad die Besucher empfangen, ein über vier Meter hoher Reifen, dessen Profil von parallel eingespannten Bilderrollen gebildet wurde.

Besonders interessant und beziehungsreich dürfte die Installation der Rollenbibliothek „Anima Mundi“ im Sonderausstellungssaal des Museums Ägyptischer Kunst in München werden. An einer der hohen Wände des Saals wird Blazejewski sieben aufrecht stehende Gestelle errichten lassen, in denen erstmals alle 210 Rollen gemeinsam gezeigt werden können.

Mit dieser Installation aus aufgerollten Malereien nimmt der Künstler nicht nur Kontakt auf zu den im Museum verwahrten oder dokumentierten altägyptischen Rollbildern, den „Totenbüchern“, er bezieht sich auch auf das erstmals elektronisch erfasste und im Ägyptischen Museum in München in dieser Form zugänglich gemachte Totenbuch. Der Besucher kann es in einem der Museumsräume auf einem Tablet in ganzer Länge aufrollen, lesen und studieren.

Blazejewski wird vor seiner Rollenbibliothek zwei elektronische Tische aufstellen, auf denen die Besucher einzelne der abgebildeten Rollen antippen und zum Betrachten ausrollen können. Die älteste Technik des Bewahrens von Bildwerken kommuniziert in dieser Installation also mit der neuesten Technik der Wiedergabe von Bildern. Die von Hand zusammengerollten Malereien entrollen sich auf dem Bildschirm wie von Zauberhand. Zeitgenössische Malerei misst sich in diesem Museum aber auch mit den Bildzeugnissen der alten Ägypter. Oder allgemeiner ausgedrückt: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft finden im Zeichen der Malerei zueinander.

Man kann dem Museum zu diesem mutigen Sprung in die Gegenwart, zu dieser vielfältig anregenden Gemälde-Bibliothek gratulieren – und darf selber gespannt sein.

Dr. Gottfried Knapp